Eine schlechte App
Vor längerer Zeit habe ich eine App namens "Storytellers" geschrieben. Also mit AI-Hilfe. Die Idee war zunächst, wie in einem Spiel abwechselnd mit der AI den jeweils nächsten Satz zu schreiben. Einen ich, einen du. Und zu schauen, wohin das führt.
Schnell merkte ich, dass das Spaß macht, und man vielleicht eine App draus machen sollte, um mit Hilfe von AIs Geschichten zu schreiben.
Jetzt nicht "Lass die AI schreiben", nicht der AI die Autorenschaft abtreten. Das funktioniert nicht, und macht auch keinen Spaß. Aber wenn man kein hochstrukturierter Schreiber ist, sich treiben lässt, dann kommt man ab und zu an den Punkt, wo man sich fragt, wie die Geschichte weiter gehen soll. Da hilft vielleicht ein Tipp von der AI. Und doch war die erste Version von Storytellers ein hässliches, überladenes Ding. Feature um Feature hinzugefügt. Der eigentlich Text nahm vielleicht 20% den Bildschirms ein. Überall möglichkeiten, die AI-Generierung zu beeinflussen, verschiedene LLMs zu wählen, Import, Export, Bildgenerierung.

Ich habe auch ein paar nette Geschichten angefangen.
Dann lang nichts gemacht, die App ungenutzt liegen lassen.
Als ich vor drei Tagen Lust hatte, an einer Geschichte weiter zu schreiben, startete ich die App, und hatte gar keine Lust, mich wieder in die Geschichte einzulesen. Also als Text exportiert und in Apples Pages gelesen. Und das war viel schöner.
Der Neuanfang
Nachdem ich die Grundidee der App - Einsetzen der AI, um genau einen weiteren Satz zu schreiben, in dem Wissen, was der weitere Inhalt der Geschichte sein wird, und um einzelne Passagen zu verbessern oder umzuformulieren - immer noch super finde, musste ich die App fundamental redesignen, so dass sie sich mehr wie Pages und weniger wie meine App anfühlt. Dass der Text im Mittelpunkt steht und nichts anderes. Es muss richtig Spaß machen, damit zu schreiben.
Es gibt solche Ansätze, wie die iOS App Bear, doch eben nicht mit einer AI als Co-Autor.
Die Diskussion
Die ganze App entstand in einer langen und unerwartet spannenden Diskussion mit ChatGPT 5.2. Nachdem die AI verstanden hatte, was ich erreichen wollte, wurde jedes Feature in Detail zerlegt, besprochen, immer im Kopf: Die Features sollen sich nicht aufdrängen, nicht ablenken, sondern ganz reduziert und natürlich mit dem Text leben. Wir stritten uns über Buttons, Abstände, Gesten und den Mut zum Weglassen. Die AI war dabei, ja, ich trau mich's sagen, sehr kreativ in ihren Lösungen, ihren Gedankenanregungen.
Am Schluss, nach bestimmt einer Stunde Diskussion, hatte ich eine klare Vorstellung, was ich will, und das mit ChatGPT gründlich besprochen. Es lag nahe, die AI zu bitten, ein Markdown-Dokument mit einer Spezifikation zu exportieren, die einer "implementierenden LLM" genau beschreibt, was zu bauen ist und wie es zu bauen ist.
Die Implementierung 1
Das Markdown genommen, in ein neues Verzeichnis abgelegt, und Cursor + Opus 4.6 gebeten, das zu bauen.
Und grob gescheitert: die AI verbrannte Tokens im Wert von 10 Dollar, aber die App funktioniert einfach nicht. Alle Verbesserungen bewirken einfach nicht, dass das zentrale Konzept, ein schlichtes "Gem" in Form einer Raute am unteren Bildschirmrand, angezeigt wird.
Irgendwann dämmert es mir: Ich habe die Frage von ChatGPT, ob das eine "auf dem Device, ohne Backend, Offline-fähig" App werden soll, mit Ja beantwortet. Und Opus hat sich in den Alptraum des Entwickelns von Progressive Web Apps begeben, wo der unerträgliche
Diese Art von Dämmern ist übrigens immer noch das, was die LLMs nicht hinbekommen. Die sind in der Hinsicht einfach zu maschinell, nicht in der Lage, einen Schritt zurück zu machen, sich auf vergangene Erfahrungen zu besinnen.
Also: Kommando zurück, ChatGPT gebeten, die Spezifikation so umzuschreiben, dass eine App mit node.js Backend, mit Authentifizierung gebaut werden soll. Nach länglichen Folgediskussionen darüber, dass ein Login-Screen eigentlich gräßliche UX ist, und wie man den umgehen kann und dennoch sicher sein, kamen wir zu einem Vorgehen, in dem ich (App-Admin) auf Wunsch einen Einladungs-Link erzeugen kann, der die Session für den User initialisiert.
Der User möchte nur die App bedienen, bekommt einen Link, klickt ihn und ist im Text. Sehr fein.
Die Implementierung 2
Dann wieder Markdown-File erzeugt, und in neuem Verzeichnis nochmal angefangen, diesmal mit GPT 5.3 codex, weil Claude irgendwie nicht reagierte.
Die App funktionierte auf Anhieb und war tatsächlich ein schöner erster Wurf.

Von erster Idee bis erste funktionierende Version vergingen etwa zwei Stunden, vielleicht drei. Dann nochmal ein paar Stunden, vielleicht nochmal zwei für weitere Verbesserungen, und ich hatte die schlichte, elegante Schreib-App-mit-AI, genau wie ich sie mir erhofft hatte.
Es folgten einige lange Diskussionen - wie macht man Features wie Anlegen einer neuen Geschichte verfügbar, wie zeigt man die Kapitel, damit man schnell zum gewünschten Kapitel springen kann, ohne dass plötzlich eine halbe Sidebar alles dominiert, und wie man trotzdem immer diese eine, ruhige Fläche Text behält, die Schreiben überhaupt erst schön macht. Was macht man mit dem "Story Intent", einem eigenen kleinen Text, der die Handlung der Geschichte zusammenfasst - wie präsentiert man den subtil und doch schnell auffindbar?

Und Jetzt?
Die App ist da, ich verwende sie gerne. Muss sie mehr können? Sie könnte sehr viel mehr können? Ein Sidebar mit AI-Zusammenfassungen der Handelnden und der Orte. Ein Auto-Update des Story-Intents aus der Story. Das bläht aber alles die App auf, und die Einfachheit ist das, was Spaß macht (ich schreibe tatsächlich diesen Blog-Eintrag mit der App).
Was habe ich gelernt?
Ich habe gelernt, dass sich Reduktion nicht aus Minimalismus-Romantik ergibt, sondern aus hartnäckigen Dialogen, in denen das Modell mir Alternativen hinlegt und ich konsequent streiche. Und ich habe gelernt, dass meine Meinung, dass ich klar der Autor meiner kleinen Apps bin, vielleicht heute nicht mehr so haltbar ist. Ich habe alle wesentlichen Entscheidungen getroffen. Aber ChatGPT hat mich gelenkt, mir 3-5 Optionen gegeben. Hat es mich vielleicht sogar in eine Richtung gelenkt?
Und was bedeutet das bezüglich Copyright? Wenn ein Modell nicht nur Codebausteine liefert, sondern auch die Gestalt der Oberfläche, den Ton der Interaktion und die Abwägungen zwischen Optionen mitbestimmt, wessen Handschrift bleibt dann übrig?
Die Fragen werden nicht weniger mit AIs in 2026.
ps. Ich habe zwei Kapitel einer Story, die ich mit der App schreibe, in zwei verschiedene "AI Slop Detector" Apps gefüttert. Beide kamen zum Ergebnis, der Text sei 100% von Menschen erzeugt. Und das ist der Punkt. Mit der App kann man gut schreiben. Und wenn man mal hängt, Hilfe braucht, kann schnell eine KI eingreifen. Dadurch bleibt es mein Text.