Interaktive Geschichten heute
Interaktive Geschichten heute
Oder: die wundersame Welt von AI-generierten Geschichten
Stelle dir vor, du liest deinen nächsten Roman. Vielleicht magst du Fantasy-Bücher, oder Scifi, oder vielleicht gruselige Geschichten? Du fängst an zu lesen. Nach ein paar Absätzen fragst du dich, wie die Geschichte wohl weiter gehen würde, wenn die Hauptfigur sich anders entscheiden würde.
Geht nur leider nicht.
Darum habe ich ein Experiment programmiert (okay, programmieren lassen), das genau das erlaubt.
Erst war die Idee, etwas wie ein Infocom-Adventure zu schreiben, nur dynamisch, AI-generiert. Ich merkte dann, die Übergänge zwischen einem solchen Adventure und einem interaktiven (Audio)Buch sind fließend.
Interaktive Bücher und Textadventures
Interaktive Bücher gibt es schon ewig. Meist sind das Kinder- oder Jungendromane. Man liest ein paar Seiten, dann kann man eine Entscheidung treffen. Meist ein Ja oder Nein. Abhängig davon geht‘s dann bei Seite 37 oder48 weiter.
Das ist leidlich amüsant, aber meistens eine kurze Sache - der Autor muss schließlich etliche Handlungsstränge in einem Buch unterbringen.
Auch bei Computerspielen hatten solche interaktiven Geschichten eine kurze Blütezeit im letzten Jahrtausend. Infocom hieß die Firma, Zork und Hitchhiker die Spiele, oder „Leather Goddesses of Phobos“, leicht anrüchig. In disen esen Spielen tippte man Befehle wie „gehe norden" oder „nimm Lampe" ein und navigierte so durch eine textbasierte Welt voller Rätselm, und voller Text. In der Regel las man eine Seite Text, dann traf man eine Entscheidung.
Ich habe auch mal, als LLMs jung waren, so zu ChatGPT 3.5 Zeiten, etwas in der Art gespielt, wo die Geschichte von einer AI ersonnen ist. Nur hatten damals LLMs ein paar Tausend Tokens Kontext. Und nach ein paar tausend Worten Geschichte erinnerte sich die AI nicht mehr, wo du bist, wer du bist, was für Gegenstände du hast, und wie die Handlung stringent weiter gehen könnte.
Heute haben aktuelle LLMs eine Million Tokens Kontext. Da passt ein ganzes Buch rein. Und weil diese LLMs auch ganz gut programmieren können, musste ich das ausprobieren.
Das Ergebnis - unfassbar kreative AIdventure genannt - könnt ihr auf GitHub bestaunen. Ich habe ein paar solche Mischungen von Textadventure und interaktivem Hörbuch ausprobiert. Einiges war unerwartet.

1. AIs können richtig gut schreiben
Ein kleiner Auszug einer Fantasy-Geschichte aus einem Tolkien-artigen Universum.
"You say yes, simply and without qualification, and something in Caelith Dawnmere's bearing shifts — not relaxes, precisely, for she is not a woman who relaxes whilst the world lists toward ruin, but settles, as a keystone settles when the arch is at last complete. She turns back to the hearth, takes up a small iron poker, and stirs the coals to brighter life. Then she begins to speak, and for the better part of an hour the fire burns and the candles shorten and the chronicles lean patiently in their towers around you, and you learn things that the Elders of Grundheim would have sealed behind three iron doors and a binding-oath."
Find ich ziemlich gut. Auf die Dauer wird der Stil etwas ermüdend - alles wird im Detail mit manchmal etwas weit hergeholten Metaphern ausgeschmückt. Aber insgesamt liest es sich gut, manchmal spannend, manchmal entlockt mir die AI gar ein Schmunzeln.
2. Warum Bernstein? Warum Stimmgabeln? Warum?
Ich kann Bernstein nicht mehr sehen. Bernsteinfarbene Augen. Bernsteinlicht am Abend, bernsteinfarbene Tore. Überall Bernstein. Was findet die AI so spannend an Bernstein?
Hier ein paar Bernsteine...
+ The great oaken doors stand ajar, warm amber light spilling out between them onto the rain-slicked cobblestones.
+ The amber warmth of the Hall's open doors is only a dozen paces away
+ but there is a light below — thin and amber
Und Stimmgabeln. Stimmgabeln und Resonanzen. Die AI hat eine Narren gefressen an Stimmgabeln und geheimnisvollen Resonanzen. Jeden Prompt gründlich gelesen, alles ausgeschlossen, was verdächtig ist, Bernstein oder Stimmgabeln zu provozieren. Keine Änderung. Claude mag amber. Claude mag Stimmgabeln.
3. Epic Fails
Ab und zu verhaut sich die AI schrecklich mit ihren Metaphern; man erkennt: sie weiß nicht wirklich, wie unsere Welt funktioniert.
Mein Lieblingsbeispiel:
„You have been the receiver since before you understood what the word meant or why your teeth ached on long car journeys through certain geological formations, why you always knew which way was down even in windowless rooms, why your mother looked at you sometimes ...“
Ja, ist in der Tat eine besondere Gabe, zu wissen, wo unten ist, selbst in der Dunkelheit.
Auch schön:
"Then she breaks the grey seal — it crumbles with a faint sound, the faintest sound, like a sigh held for three days"
Warum ein Seufzer nach 3 Tagen leiser ist als vorher erschließt sich dem Menschen nur schwer.
4. Der Reiz „meiner“ Geschichte
Der unerwarteteste Effekt auf mich, den das Hören/Spielen solcher Geschichten auf mich hatte, war, dass es einen großen Wert hat, zu wissen: diese Geschichte höre nur ich. Die AI hat die nur für mich erfunden. Klicke ich auf „New Story“, ist sie für immer weg, keiner wird erfahren, wie sie weitergeht.
Ich war mir bisher sicher, die Roman-Welt wird sich - ähnlich wie etwa Schreinerwaren - so aufteilen, dass man für sehr günstiges Geld, vielleicht 1 Euro, ein AI-generiertes, recht gutes Buch erwerben kann, oder für mehr Geld, vielleicht 10 Euro, ein Buch, das ein echter Mensch geschrieben hat, jemand aus meiner Spezies mit ähnlicher Gefühlswelt wie ich. Wie Ikea vs. Maßtisch.
Es könnte aber ganz anders kommen. Nämlich, dass Menschenbücher „von der Stange“ sind. Jeder liest den gleichen neuen Sanderson, Fitzek. Dagegen kann man in AI-generierten Büchern Themen vorgeben („ich möchte ein Fantasy-Buch einer Welt von hochintelligenten Kröten“). Und man kann den Lauf der Handlung in einer viel flexibleren Weise beeinflussen, als das ein interaktives Buch oder ein Infocom-Adventure je könnte.
5. Geduld.. und Budget…
Was ich aber vor allem brauchte, war viel Geduld, und viel Geld. Meine App generiert die Welt mit allen Charakteren, allen Orten, der Lore, … mit Claude Opus 4.6; in der „Game Loop“ sorgt Sonnet 4.6 für die Texte und den Fortschritt der Geschichte. Ausserdem finde ich es am schönsten, die Geschichten als Hörbuch zu hören - nochmal Geld für ChatGPTs Sprachsynthesefähigkeiten ausgeben.
Erst versuchte ich es nur mit Opus - nimm immer das beste, was du kriegen kannst - aber damit ist man schnell bei $10. Doch selbst in der Kombination mit Sonnet ist ein normales Hörbuch viel billiger als die geschätzt 2 Dollar pro Stunde. In der Zeit schicke ich der AI 500.000 Tokens, sie schickt knapp 100.000 Tokens zurück. Geht ins Geld.
Doch das ist das Problem: entweder eine lange Geschichte konsistent erzählen und bei jeder Anfrage die ganze Geschichte mitschicken, oder komprimieren, kondensieren, abschneiden und riskieren, dass die AI den Faden verliert. Mit Caching kann man Kosten sparen, aber nicht das Problem lösen.
Und jetzt?
Ich bin gespannt, wie sich die Geschichte der AI-Geschichten entwickeln wird. Für mich persönlich: wird es mir gelingen, mehr Variation in den Schreibstil zu bringen? Allgemein: werden solche Interaktiven Stories mal eine Sache sein? Ich finde sie bereits jetzt unerwartet lesenswert. Und wir sind erst bei Claude 4.6, im Jahr 2026.
Es bleibt spannend.