AI Storytelling (2)
Eine teure Sucht
Es hat schon etwas süchtig machendes, sich seine eigene Geschichte erzählen zu lassen. Eine Geschichte, die noch nie jemandem erzählt wurde. Eine Geschichte, deren Fortgang man selbst beeinflussen kann. Gut erzählt.
Ob sie wirklich so gut erzählt ist, darauf komme ich später. Was ich aber, nach etlichen angefangenen und noch nicht beendeten Stories meiner "AI-generiertes Textadventure" App gelernt habe: das ist ein teurer Spaß.
Aufgelaufene Kosten:
* Claude: 12 Dollar - für das initiale Erzeugen der Welt, der Handelnden, der Orte, der Handlung mit Opus 4.6 (schweineteuer) und das Erzeugen des nächsten Stücks Geschichte + Handlungsoptionen mit Sonnet 4.6 (teuer, aber nicht ganz so teuer).
* OpenAI: 10 Dollar - für das Sprechen der Texte
Dafür bekommt man auch Bücher.
Abgesehen davon, dass ich nie erwartet hätte, dass sich OpenAI das Sprechen von Text so fürstlich entlohnen lässt, sind die Kosten nicht ganz unerwartet.
Schließlich will man die Generierung einer Welt und einer Geschichte drin der besten AI übergeben, die man finden kann (ich hätte auch GPT-5.4 nehmen können, faste aber gerade OpenAI. Aus Gründen). Zum Anderen muss man der AI bei jedem Schritt richtig viel Kontext übergeben, damit nicht plötzlich Handelnde das Geschlecht wechseln, Gegenstände verschwinden, Erinnerungen an vergangene Handlungsteile sich wandeln. Konkret heisst das:
- Erzeugen einer Geschichte mit Opus 4.6: 1000 Tokens rein, 5000 Tokens raus.
- Voranbringen der Geschichte (etwa 5 Minuten Text): 17000 Tokens rein, 1000 Tokens raus. Eine Stunde Lesen kostet damit 340.000 Input-Tokens und 20.000 Output-Tokens. Das geht schnell ins Geld, konkret: $1 + $0,3 = 1,30 Dollar pro Stunde lesen.
Wie? Was?
Falls du meinen letzten Blogeintrag nicht gelesen hast. Ich rede von einer kleine App, die ich, also genauer gesagt eine AI, geschrieben habe, um Textadventures a la Zork von einer AI generieren zu lassen.
Hier der Link auf github, wenn du selbst damit herumspielen willst:
Wenn man's ausprobiert, merkt man, dass das Ganze eher ein interaktives Hörbuch ist. Die AI ist gut im Geschichten erzählen, Rätsel spielen eigentlich keine Rolle. Vielleicht Schuld meines Prompts. Und teilweise schreibt die AI fantastisch.
Hier der Anfang einer Gruselgeschichte, die es zuletzt für mich geschrieben hat:
"The bus drops you at the end of Route 1A like something being expelled. The driver — a heavyset man who hasn't spoken since Augusta — actually flinches when you step off, as though he's been holding his breath the whole last twenty miles and can finally let it go. The door hisses shut behind you with an urgency that borders on rude, and the bus pulls away trailing diesel smoke that hangs in the air too long, as if the atmosphere here is thicker than it should be, more reluctant to move.
You are Nora Thatch. You are thirty-eight years old. You have told the rental agency, the bus company, and the reservation clerk at the Briar Sound Motor Lodge that you are an insurance adjuster investigating structural complaints. This is a lie. You are here because your brother Marcus is dead."
Beeindruckend. Kann's nicht anders sagen. Beeindruckend.
Aber: Stil
Der Stil der AI erinnert mich an meine Zeit mit Steven Kings Horrorbüchern. Erst, Teenager der ich war, war ich hin und weg. Spannend erzählt, man frisst sich durch die Bücher. Später fiel mir auf, dass er die gleichen, wenigen Stilmittel (schräg gesetzte Emotions-Sätze wie "bitte lass sie nicht das Messer gefunden haben" oder emotionale Ausblicke in die Zukunft wie "Er sollte sie nie wieder sehen") wieder und wieder verwendet, was mich, dann nicht mehr Teenager seiend, dann eher gelangweilt hat.
So ähnlich geht es mir mit Claude. Die AI hat so eine Art, Dinge zu beschreiben, Metaphern zu verwenden...
- She goes very still. Not the stillness of someone thinking, but the stillness of a small animal that has heard a sound it recognizes.
- She looks at you the way a cartographer looks at a map that has started to disagree with the territory
- It's more like looking through a window you didn't know was there into a room that shouldn't fit inside the building.
Manchmal funktionieren diese Metaphern gut, manchmal nicht, und ihr Dauereinsatz ermüdet.
Aber: Handlung
Es ist eine hohe Kunst, eine Handlung in genau der richtigen Geschwindigkeit voranzutreiben. Manche Autoren können das gut (höre gerade Eden von Marc Elsberg, der kann das einfach). Andere nicht so gut (Black Forest von Wolfgang Schorlau habe ich kürzlich nach 10% abgebrochen, weil der Autor sich in so entsetzlich ermüdenden Schilderungen jeder Kleinigkeit ergangen hat, dass es einfach nicht auszuhalten war).
Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie man einer AI diese Kunst beibringt. Was ist der Prompt für "Erzähle die Geschichte in genau der richtigen Geschwindigkeit"? Wie macht man klar, dass es auch einen Rhythmus in Geschichten gibt, es ein Unterschied macht, ob man gerade in einem Science Fiction auf einem neuen Planeten ankommt, den man genüsslich beschreibt, oder ob man von jemandem verfolgt wird. Die AI erzählt beides im gleichen Stil.
Zudem muss man - und das ist bei einem interaktiven Buch besonders schwer - als Autor wissen, wo man hin will mit der Handlung. Auch das ist einer AI schwer beizubringen. Entsprechend ertappe ich mich bei den meisten Geschichten irgendwann in einer "jetzt mach mal voran" Stimmung. Muss mal versuchen, selbst grob voranzutreiben - die App zeigt mir immer 4 Optionen, aber ich kann auch selbst eingeben, hm, etwa: "Go back into the pub and kill the barkeeper". Keine Ahnung, was dann passieren würde.
Fazit
Kürzlich habe ich einen (ziemlich genialen) Podcast der ZEIT gehört. Dort hat der Philosoph Markus Gabriel auch über AIs sinniert, und dabei einen Aspekt betont, der mir nie bewusst wurde. Wir wissen, dass LLMs alle Texte des Internets gelernt haben. Milliarden von menschengeschriebenen Sätzen. Und verkopft, wie wir sind, verbinden wir das primär mit angehäuftem Weltwissen in den neuronalen Netzen der LLMs. Dabei sind wir emotionale Lebewesen, unsere Sprache Ausdruck von Emotionen. Und auch diese Konzepte haben die Maschinen gelernt.
Entsprechend, wissend wie dramatisch die Entwicklungsgeschwindigkeit der AIs ist, ist es keine Sci-Fi Vorstellung, dass die bald besser, ja, besser schreiben werden als wir. Dass vielleicht die Vorstellung, AI schreibt 2030 Konsumliteratur, die wahre Kunst, die wahre Emotionalität, werden weiter nur Menschen in Worte fassen können.
Und das "Killer-Feature", dass dies mein Buch ist, meine Geschichte, die ich beeinflussen kann, die nur für mich erzählt wird, finde ich immer noch super.
Es bleibt spannend.